Wenn Intelligenz und hohe Wahrnehmung zur Herausforderung werden

Vinicius Amano @viniciusamano

Als Andersdenkender fällst du auf. Wenn du mehr weißt als andere, schneller Lösungen siehst und ohne Anstrengung bessere Noten schreibst, fällst du negativ auf: „Die kann doch sowieso alles, die braucht keine Hilfe. Die kann ruhig ein bisschen mehr machen, es ist ja so einfach für sie!“

Förderung und Hilfe bleiben bei solchen Menschen häufig aus. Sie lernen nicht mit ihrer hohen Wahrnehmung und ihrer großen Wissbegierigkeit angemessen umzugehen. Stattdessen wird in bildungsfremden Haushalten Bildung negativ bewertet: „Schlepp doch nicht immer so viele Bücher mit rum!“, „Geh arbeiten, statt noch ewig zu studieren!“
Wenn dann durch ebenfalls vorhandene Hochsensibilität Müdigkeit oder emotionale Überforderung deutlich wird, heißt es bei solchen Menschen: „Stell dich nicht so an, du hast doch kaum etwas getan!“
Kollegen oder anderen Menschen aus dem Umfeld fällt es dann schwer zu begreifen, dass selbst die Welt wahrzunehmen bereits unglaubliche Anstrengung bedeutet.

Ist die hohe Entwicklung der Kognition und des logischen Verstehens dann vielleicht ein Selbstschutz des Körpers? Eine Flucht in die Kognition, um mit der Überforderung durch die starke Wahrnehmung besser zurecht zu kommen?

Auf den ersten Blick mag dies wirksam sein. Aber wenn wir schauen, wie in der deutschen Gesellschaft häufig mit Intelligenz umgegangen wird, ist dies kein Selbstschutz. Soziale Isolation ist häufig die Folge.

Die Entwicklung, die zum Überleben notwendig war – Flucht in die Kognition, hohe Wahrnehmung der Außenwelt, Abspaltung der eigenen Gefühle – wird also noch zum weiteren Verhängnis, statt den Körper zu schützen.

Für viele solcher Menschen ist es dann ein schwieriger Weg sich die eigenen Schmerzen einzugestehen und wieder zuzulassen. Doch dies ist notwendig, um gesund mit anderen leben und kommunizieren zu können, um Burnout zu verhindern.

Für solche Menschen ist es wichtig einzusehen: „Es ist nicht meine Verantwortung immer für andere da zu sein, eben so wenig ist es meine Aufgabe andere zu heilen.“

Eine klare Abgrenzung hilft sich selbst wieder mehr wahrzunehmen und dadurch auch besser kommunizieren zu können.

Je mehr Menschen über Ihre erlebten Schmerzen, ihre hohe Wahrnehmung, ihr „anders sein“ offen reden, umso geringer wird die Tabuisierung dieser Themen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass ein offener Umgang mit solchen Dingen zu mehr Toleranz und Solidarität führt, statt zu sozialer Isolation, Geheimhaltung und Scham.

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