Hochbegabtenförderung in Unternehmen

"Hochbegabte hab ich sowieso nicht!"

Hochbegabte hab ich sowieso nicht!“

- Hochbegabtenförderung in Unternehmen, ein Interview mit einer „Querdenker-Gärtnerin“

 

Alice Moustier ist seit 2 ½ Jahren als selbstständige Beraterin für Unternehmen und als Coach aktiv, selbst nennt sie sich „Querdenker-Gärtnerin“. Sie ist 32 Jahre alt und wohnt in Lübeck.

 

Wann kamst Du das erste Mal mit dem Thema „Hochbegabung“ in Berührung?

2013 arbeitete ich als Lehrerin an einer Hochbegabtenschule in der französischen Schweiz und wurde dort das erste Mal bewusst mit diesem Thema konfrontiert. Mein Bruder wurde zwar bereits mit sechs Jahren als hochbegabt diagnostiziert, aber in unserer Familie wurde darüber nie groß gesprochen. Später erkannte ich, dass auch der Rest meiner Familie davon „betroffen“ ist und ich somit unbewusst bereits viel länger mit dem Thema konfrontiert war.

 

Wie kamst Du darauf, Dich 2017 selbstständig zu machen?

Als Lehrerin mit solchen Kindern fühlte ich mich ziemlich überfordert und suchte eine Weiterbildung in diesem Bereich. Ich fand nichts. Also beschloss ich selbst in die Erwachsenenbildung zu gehen. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sah ich häufig, dass die Hochbegabung vielen Menschen „im Weg“ steht. Ich erkannte für mich, dass es gelernt werden muss, mit diesem speziellen, hohen Intellekt umzugehen. So entschied ich mich, Menschen darin zu unterstützen, ihre „PS“ auf die Straße zu bringen.

 

 

Wie unterstützt Du Menschen darin, Ihre „PS“ auf die Straße zu bringen?

Es kommt ganz darauf an, wer gerade vor mir sitzt.

Generell unterstütze ich Menschen aber vor allem in ihrer Selbstakzeptanz, Zufriedenheit und in einem positiven Blick auf die Bewältigung von entsprechenden Herausforderungen (jedes Problem ist eine Herausforderung). Dazu nutze ich die verschiedensten Werkzeuge, darin bin ich sehr kreativ. Ob mit Rollenspielen, systemischer Aufstellung, malen, schreiben oder Visionsbeschreibung.

 

Was für Kunden hast Du?

Ich habe Führungskräfte aus den verschiedensten Branchen als Kunden, Selbstständige, Familien mit hochbegabten Jugendlichen, oder hochbegabte Arbeitslose. Aber auch ganz normale Arbeitnehmer, die mit etwas in ihrem Leben unzufrieden sind. Manche wissen bereits von ihrer Hochbegabung, manche nicht und wollen mehr darüber erfahren.

Und natürlich habe ich auch Unternehmen als Kunden.

 

Was bietest Du den Unternehmen an?

Häufig mache ich Gruppentraining, beispielsweise Visionsfindung. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeitgebermarkenberatung, neudeutsch „Employer Branding“. Denn ohne Vision ist es für jedes Unternehmen und für jeden Menschen schwer, seinen richtigen Weg zu finden. Und die Vision sollte nicht der Chef alleine entwickeln. Alle, die im Unternehmen mitarbeiten, sollten an der Entwicklung der jeweiligen Vision teilhaben dürfen. Denn dann können sich alle Beteiligten mit dieser Vision und mit den entsprechenden Massnahmen zu deren Erreichung viel besser identifizieren.

 

Was hat das mit Hochbegabung zu tun?

Um Hochbegabte im Unternehmen zu fördern, bedarf es einer Struktur, welche die Entwicklung verschiedenster Charaktere zulässt und jedem Mitarbeiter die Möglichkeit gibt, sich frei zu entfalten. Eine solche Struktur muss sich aus der Gemeinschaft heraus entwickeln, sie darf nicht auferlegt werden. Wenn die gemeinsame Vision erarbeitet ist, lässt sich leichter eine passende Struktur entwickeln. Und mit einer solchen kann die intrinsische Motivation (von innen heraus) eines jeden Mitarbeiters entflammen. Vor allem Hochbegabte benötigen intrinsische Motivation, von außen (extrinsisch) sind sie nur sehr schwer zu motivieren.

 

Hast Du bereits Erfahrung mit solchen „anderen Strukturen“?

Ja. Ich bin seit 10 Jahren Mitglied einer musischen Studentengemeinschaft. Dort entscheidet die Gemeinschaft, nicht ein Einziger. Bereits dort habe ich erlebt, was es heißt, die Gruppenintelligenz zu nutzen. Ich sah jedoch auch die Wichtigkeit, Gefühle anzusprechen, denn diese können auch im Gruppenprozess sehr zu Blockaden führen und Konflikte kreieren. Besonders faszinierte mich dabei das Buch „Hochleistung braucht Dissonanz“ der deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Dort wird genau die Struktur beschrieben, die wir in der Studentengemeinschaft leben.

 

Warum faszinierte Dich gerade dieses Buch? das Buch der deutschen Kammerphilharmonie Bremen?

Weil es sehr gut zeigte, wie Unternehmen aus der Gemeinschaft heraus geführt werden können. Bereits der Titel – Hochleistung braucht Dissonanz - zeigt, dass nicht immer alles rund sein muss, sondern dass auch Konflikte manchmal sehr befruchtend sein können. Als Konfliktmanagerin (Mediatorin) kann ich dem voll zustimmen.

 

War die Existenzgründung für Dich einfach?

Nein, ganz und gar nicht. Das Thema „Hochbegabung“ ist immer noch sehr tabuisiert.

Es ist aber auch häufig einfach noch „unbekannt“. Immer wieder stoße ich auf Aussagen wie: „Hochbegabte hab ich sowieso nicht!“ oder „Also hochbegabt bin ich eh nicht“. Die Vorurteile sind immer noch sehr groß:

Der Einzige, der Hochbegabt sein könnte, ist unser ITler. Der ist total der Nerd und völlig unsozial!“

Da muss ich meist zur Enttäuschung von vielen antworten: „Ne, sorry, wir sind nicht alle Nerds und unsozial, nur weil wir hochbegabt sind.“

Aufgrund dieser Vorurteile nannte ich mich irgendwann um, von „Coach für Hochbegabte“ zu „Querdenker-Gärtnerin“.

 

Warum nennst Du Dich „Querdenker-Gärtnerin“?

Der Begriff lässt die Leute stutzen und macht sie neugierig. Wenn wir erst mal im Gespräch sind, kann ich viel besser ein so tabuisiertes Thema wie Hochbegabung langsam ansprechen.

 

Wie kommst Du an Deine Kunden?

Da das Thema noch sehr unbekannt ist, werbe ich vor allem mit Geschichten und den Eigenschaften solcher Menschen. Der Begriff „Hochbegabung“ schreckt viele eher ab.

Netzwerken ist eins der wichtigsten Dinge in der Selbstständigkeit. Meine Hauptakquise läuft über Empfehlungsmarketing, ich werde weiterempfohlen. Dazu müssen die Leute in meinem Netzwerk aber selbst erst mal für das Thema sensibilisiert werden, damit sie die Menschen erkennen, an die sie mich weiterempfehlen können.

 

Wer empfiehlt Dich weiter?

Menschen, die bereits bei mir gewesen sind oder meist Menschen, die sich von diesem Thema selbst betroffen fühlen. Lustig war es mit dem Journalisten, der 2018 einen WDR-Beitrag über das Jahrestreffen des Hochbegabtenvereins Mensa in Aachen drehte. Danach unterhielten wir uns noch zwei Stunden über das Thema. Damit hatte ich in ihm ein Feuer entfacht. Seitdem entdeck er ständig Hochbegabte und Hochsensible, die von ihren Begabungen selbst noch nichts wissen. Vor allem bei sich im Beruf, wo er mit vielen „besonderen und außergewöhnlichen“ Menschen zusammen kommt. Auch bei seinen Kollegen trifft er häufig auf solche. Denn hochbegabte können sehr kreativ sein und gerade als Journalist musst du kreativ und neugierig sein.

 

Um das Interview nun abzuschließen: Was wünscht Du Dir für Deine Zukunft?

Ich wünsche mir mit meinem Unternehmen zu wachsen und selbst eine eigene Organisation aufzubauen, in der wir von der Gruppenintelligenz profitieren und ein Beispiel sind für ein gut geführtes Unternehmen.

 

Dann wünsche ich Dir viel Glück! Vielen Dank Alice!

 

Das Interview wurde geführt von Ernst Holzmann, Strategie- und Marketingexperte, Keynotespeaker.

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht im Ortsblatt 6/2019 des Hochbegabtenvereins Mensa e.V. für Hamburg, Lübeck und Mecklenburg-Vorpommern

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